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Beginn des Massentourismus: Die Reisewelle nach Italien in den 1950er Jahren in Bildern

Deutsche Touristen auf dem Bahnhof von Ruhpolding, die von dort aus weiter nach Italien reisen. Urhebervermerk: Max Scheler/SZ Photo.

Deutsche Touristen auf dem Weg nach Italien, 1950er Jahre © Max Scheler  

Dolce Vita, lange Strände, warme Nächte: In den 50er Jahren strömten massenhaft deutsche Urlauber nach Italien. Die Anreise, ob per Zug nach Riva und Jesolo oder mit dem Auto über enge Bergstraßen, war bei der Zahl an Touristen zum Teil etwas beschwerlich. Am Ziel angelangt, wurden die Urlauber dann mit Ruhezonen im alpinen Südtirol belohnt, andere bekamen viel Aufmerksamkeit durch “Papagalli” am Strand oder konnten ihre schicken Kleider bei einem Bummel durch die Altstadt von Venedig vorführen.

Die Fotografen der Münchner Illustrierten waren allesamt mit Themen der großen Reisewelle nach Italien beschäftigt. In unserem kleinen Reisebericht hier sehen Sie Aufnahmen von verschiedenen Fotografen der Münchner Illustrierten. Auf unserer Website finden Sie das gesamte Repertoire der hier vorgestellten Fotografen Max Scheler, Alfred Strobel und Hannes Betzler.

Hier ein kleiner Einstieg:

Touristenautos am Grenzübergang zwischen Österreich und Italien, dem Brenner.

 Stau am Brenner-Grenzübergang zwischen Österreich und Italien, 1959 © Alfred Strobel 

Zweisprachiges Schild am Ortseingang St. Ulrich-Ortisei in Südtirol. Auf dem Schild steht "Zona del Silenzio" (italienisch) und "Schweigezone" (deutsch). Undatierte Aufnahme, vermutlich in den 1970er Jahren.

 Zweisprachiges Schild am Ortseingang in St. Ulrich-Ortisei, 1970er Jahre © Hannes Betzler 

Am Strand der Adria flirten Papagalli mit ausländischen Touristinnen.

 Papagalli mit ausländischen Touristinnen am Strand der Adria, 1959 © Alfred Strobel 

Touristinnen in Venedig, 1959

 Junge Touristinnen auf dem Markusplatz in Venedig, 1959 © Hannes Betzler 

Frau posiert im Bikini am Strand von Viareggio.

 Eine Frau posiert am Strand von Viareggio in einer künstlichen Muschel, 1958 © Alfred Strobel 

Adriastrand in Italien, 1958

 Touristen am Strand der italienischen Adriaküste, 1958 © Alfred Strobel 

Ein Autofahrer in seinem Fiat in der Gegend des Gardasees.

 Tourist in seinem Fiat vor einer Hoteleinfahrt am Gardasee, 1950er Jahre © Hannes Betzler 

Ans Licht geholt: Heinz Hering – Fotograf der Münchner Illustrierten

Ein Kriegsinvalide mit seiner ebenfalls kriegsversehrten Tochter in einer Neubausiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Kriegsinvalide mit seiner ebenfalls kriegsversehrten Tochter, 1951 © Heinz Hering  

Die 1950er Jahre in Deutschland waren geprägt durch Gegensätze. Auf der einen Seite waren die Nachkriegswehen noch deutlich zu spüren, auf der anderen Seite entdeckten die Menschen Ihre Möglichkeiten und neu gewonnene Freiheit. Die Bilder des Münchner Illustrierten-Fotografs Heinz Hering zeigen genau dieses breite Spektrum: Kinder im Flüchtlingslager Allach, Kriegsversehrte, GIs in ihrer Freizeit, unbeschwerte Jugendliche, Schlagerfeste und Menschen auf der Suche nach neuen Lebensräumen.

Alle Bilder von Heinz Hering finden Sie im Webshop

Hier ein kleiner Überblick:

Gegensätzliches Nachkriegsdeutschland, 1950er Jahre

 Unterschiedliche Kindheiten im Nachkriegsdeutschland, 1950er Jahre © Heinz Hering 

Zwei Soldaten der US-Armee in ihrer Freizeit in Stuttgart.

 Soldaten der US-Armee in ihrer Freizeit vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof, 1951 © Heinz Hering 

Jugend im Nachkriegsdeutschland, 1959

 Neue Freiheiten und Möglichkeiten im Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre © Heinz Hering 

Schüler (Abiturienten) eines Münchner Gymnasiums sitzen im Kreis auf ihren Tischen und Stühlen im Klassenzimmer.

 Abiturienten eines Münchner Gymnasiums, 1956 © Heinz Hering 

Deutsches Schlagerfestival in Wiesbaden, 1959

 Deutsches Schlagerfestival in Wiesbaden, 1959 © Heinz Hering  

Jugendliche "Halbstarke" in einem Klub.

 Jugendliche in einem Berliner Club, 1960 © Heinz Hering  

Neuer Wohnraum im Nachkriegsdeutschland, 1950er Jahre

 Neuer Wohnraum im Nachkriegsdeutschland, 1959 © Heinz Hering  

Ans Licht geholt: Jenö Kovacs – Fotograf der Münchner Illustrierten

Italienische Gastarbeiter an einer Imbissbude in München.

Italienische Gastarbeiter in München, 1960 © Jenö Kovacs  

“Für 60 Mark einen Italiener” titelte die Münchner Illustrierte am 26. März 1960 und zeigte eine Reportage über den Weg von italienischen Gastarbeitern nach München. Gemeint waren hier die Kosten von 60 DM, die die anwerbenden Firmen für den Transfer eines Arbeiters investieren mussten. Für die Münchner Illustrierte begleitete der Fotograf Jenö Kovacs die Reise der Gastarbeiter im Zug von Rom nach München und hielt dabei die ausgelassene Stimmung der Italiener und den freundlichen Empfang am Münchner Hauptbahnhof eindrucksvoll fest.

All unsere Bilder von Jenö Kovacs finden Sie in unserem Webshop.

Ein Auszug aus seiner Gastarbeiter-Reportage:

Arbeitnehmer aus Italien bei der Ankunft auf dem Hauptbahnhof in München.

  Italienische Gastarbeiter bei der Ankunft am Münchner Hauptbahnhof, 1960 © Jenö Kovacs  

Italienische Gastarbeiter beim ausladen ihres Gepäcks aus dem Zug.

 Italienische Gastarbeiter beim Ausladen ihres Gepäcks, 1960 © Jenö Kovacs  

Arbeitnehmer aus Italien bei der Ankunft auf dem Hauptbahnhof in München.

 Gastarbeiter aus Italien nach der Ankunft am Münchner Hauptbahnhof, 1960 © Jenö Kovacs  

In Italien angeworbene Gastarbeiter kommen mit ihrem Gepäck in Deutschland an. Blick auf ihre Begrüßung.

 Begrüßung italienischer Gastarbeiter in Deutschland, 1960 © Jenö Kovacs  

Ans Licht geholt: Kurt Schraudenbach – Fotograf der Münchner Illustrierten

Zwei ältere Männer stehen vor einer Eisdiele in New York und verspeisen ihr Eis

Zwei ältere Männer vor einer Eisdiele in New York, 1960er Jahre © Kurt Schraudenbach  

Eis, Lockenwickler und Maiskolben mit Butter in New York, Louis Armstrong an der Trompete, Hula-Hoop als Trendsport, aktuelle Damenmode, Einheimische in München oder berühmte Persönlichkeiten: Kurt Schraudenbach war einer der Fotografen, die in den 50er und 60er Jahren im Auftrag der Münchner Illustrierten weltweit unterwegs waren. Schraudenbach fotografierte dabei einzigartige Reiseberichte, Reportagen aus den Bereichen Kultur und Lifestyle und Persönlichkeiten aus aller Welt.

Hier finden Sie alle Bilder von Kurt Schraudenbach

Einen kleinen Querschnitt sehen Sie hier:

Jüdischer Prophet und Frau mit Lockenwicklern in New York

  Alltag in New York in den 1960er Jahren © Kurt Schraudenbach  

Eine Verkäuferin einer Imbissbude auf Coney Island verkauft ihren Kunden Maiskolben mit Butter.

 Imbissbude auf Coney Island © Kurt Schraudenbach  

Amerikanischer Jazz-Musiker Louis Armstrong

 Jazz-Musiker Louis Armstrong mit Trompete © Kurt Schraudenbach  

Vor der Bar "Gisela" in der Occamstraße im Münchner Stadtteil Schwabing sind die Menschen im Hula-Hoop-Fieber und schwingen die Reifen.

 Hula-Hoop-Welle in München, 1958 © Kurt Schraudenbach  

Mode in New York und München, 50er/60er Jahre

 Damenmode in New York und in München, 1950er und 60er Jahre © Kurt Schraudenbach  

Ein Mann und zwei Frauen beim Bummeln und Schauen auf dem Viktualienmarkt in München, 1952

 Kunden auf dem Viktualienmarkt in München, 1952 © Kurt Schraudenbach  

Zu einer Vorlesestunde haben sich viele Kinder unterschiedlichen Alters in der Internationalen Jugendbibliothek eingefunden. Gespannt folgenden sie dem Lesevortrag.

 Lesung in der Jugendbibliothek in München, 1959 © Kurt Schraudenbach  

Konrad Adenauer

 Konrad Adenauer beim Boulespiel und in Cadenabbia, 1959 © Kurt Schraudenbach  

Special: Das Ende des Zweiten Weltkriegs 1945

US-amerikanische und sowjetische Soldaten marschieren Arm in Arm durch Torgau nach dem sowjetisch-amerikanischen Aufeinandertreffen an der Elbe.

© Süddeutsche Zeitung Photo  

6. Juni 1944: Die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition landen an der Nordküste Frankreichs. Mit der Operation Overlord am D-Day begann schrittweise die Niederlage der Wehrmacht. Ein knappes Jahr später im April 1945 stand die Rote Armee vor Berlin. Die Westalliierten hatten den Rhein im Westen längst überquert und waren in Deutschland einmarschiert. Die Niederlage des nationalsozialistischen Deutschen Reiches und der Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg war nun unausweichlich. Hitlers “Volkssturm” war nicht mehr als ein Himmelfahrtskommando in der Endphase des Krieges, das Konzentrationslager Auschwitz bereits am 27. Januar 1945 befreit worden. Am 29. April befreite die US-Armee auch das Lager in Dachau. Adolf Hitler erschoss sich einen Tag darauf im Führerbunker in Berlin. Mit dem beidseitigen Vordringen der Alliierten wurden Millionen von Zivilisten zu Flüchtlingen, Millionen von deutschen Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft. Am 7. und 8. Mai 1945 wurde in Reims und Berlin-Karlshorst schließlich die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet, der Krieg in Europa war endgültig vorbei. Das in Trümmern liegende Deutschland wurde auf der Potsdamer Konferenz unter Churchill, Truman und Stalin in Besatzungszonen aufgeteilt. Mit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zwang Amerika im August 1945 dann auch Japan in die Knie. Am Ende des größten militärischen Konflikts der Menschheitsgeschichte standen weltweit 65 Millionen tote Soldaten und Zivilisten zu Buche.

Von der Befreiung der Konzentrationslager, der Schlacht um Berlin, der bedingungslosen Kapitulation und schließlich den Luftangriffen auf deutsche Städte erzählen die historischen Fotos in unserem SZ Photo Special anlässlich des 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs.

Die thematischen Kapitel in der Übersicht:

Kämpfe an den Fronten bis zur Schlacht um Berlin

Zivilbevölkerung, Gefangenschaft und Flucht

Kapitulation und Kriegsende, 1945

Kriegsende im Pazifik

Special: Mauerfall und Wiedervereinigung

Die ersten Teile der Mauer werden von Buergern in der Naehe des Brandenburger Tors abgerissen, gegen Mitternacht zwischen dem 09. und 10.11.1989.

© José Giribás/Süddeutsche Zeitung Photo  

Die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland ist nun länger “gefallen”, als sie Bestand hatte. In diesem Jahr ist es 30 Jahre her, dass DDR-Bürger ihr erst mit Worten und dann mit Spitzhacken zu Leibe gerückt sind. Grenzen gibt es noch immer, in den Köpfen, in Wirtschaftskraft und Einkommen – und auch Reste der Mauer stehen nach wie vor, sind Orte des Gedenkens oder Raum für die Kunst geworden.

Vom Mauerbau und Grenzrealitäten, von der Überwindung der deutschen Teilung und der heutigen Erinnerungskultur erzählen die Bilder von Regina Schmeken, José Giribás, Ulrich Baumgarten, Rolf Zöllner, Lothar M. Peter, Jochen Eckel und von vielen anderen unserer Fotografen in unserem SZ Photo Special Mauerfall und Wiedervereinigung. Die thematischen Kapitel in der Übersicht:

Teilung in DDR und BRD

Die Grenze zwischen Ost und West

Alltag der Bevölkerung in der DDR

Friedliche Revolution und Wende

Weichenstellung & Wiedervereinigung

Erinnerung

SZ Photo Ikonen: Verweigerung des Hitlergrußes, 1936

Im neuen Teil unserer Serie “SZ Photo Ikonen” stellen wir eines unserer berühmtesten Exklusivbilder und seine vieldiskutierten Hintergründe vor.

SZ-Photo-web-00022112Verweigerung des Hitlergrußes, 1936 © Scherl  

1936 – Nur einer ließ den Arm unten. Ein genauer Blick auf das Bild zeigt: Während eine überwältigende Mehrheit von Angestellten der Werft Blohm+Voss in Hamburg bei einem Besuch Adolf Hitlers 1936 die Arme zum “Deutschen Gruß” hebt, verschränkt ein einzelner Arbeiter seine Arme. Seine trotzig wirkende Geste gilt als eine Art des Widerstands. Als Name des Arbeiters wird August Landmesser vermutet, es könnte sich aber auch um Gustav Wegert handeln. Haben Sie ihn schon entdeckt?

Beim Stapellauf des Marineschulschiffes Horst Wessel am 13. Juni 1936 hoben zum Höhepunkt der Großveranstaltung, als das Schiff zu Wasser gelassen und die Nationalhymne gespielt wurde, alle den rechten Arm zum “Hitlergruß” – nur einer eben nicht. Wer dieser Mann ist, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Die Hamburgerin Irene Eckler meinte ihren Vater August Landmesser zu erkennen, der seine jüdische Verlobte Irma Eckler wegen der Nürnberger Rassengesetze von 1935 nicht heiraten durfte. Die Töchter Ingrid und Irene kamen außerehelich zur Welt. August Landmesser wurde 1938 denunziert, wegen “Rassenschande” zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt und dann als Soldat an die Front geschickt, wo er seit 1944 als verschollen galt. Irma Eckler wurde 1938 ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück gebracht und 1942 ermordet. Aber auch Wolfgang Wegert, ebenfalls aus Hamburg, glaubt in dem Mann mit den verschränkten Armen seinen Vater Gustav Wegert identifizieren zu können, der nachweislich als Schlosser bei Blohm+Voss gearbeitet hatte und als gläubiger Christ aus religiöser Überzeugung “Du sollst Gott mehr gehorchen, als den Menschen” den “Hitlergruß” verweigerte. Die Historikerin Dr. Simone Erpel gelangt in ihrem Essay “Zivilcourage – Schlüsselbild einer unvollendeten Volksgemeinschaft”, erschienen in Gerhard Pauls Das Jahrhundert der Bilder 1900 bis 1949, zu dem Fazit: “Zeitgenössische fotografische Porträtaufnahmen von Wegert und Landmesser belegen in beiden Fällen eine große Ähnlichkeit mit dem abgebildeten Werftarbeiter. Gegenwärtig muss offen bleiben, wer der Mann auf dem Foto war.”

Unabhängig davon ist die starke Aussagekraft des Bildes eines Pressefotografen namens Müller ungebrochen. Das Foto ist ein fast einmaliges Zeitdokument. Es kann als das Schlüsselbild für Zivilcourage und Widerstand gelten. Ebenso zeigt es die die hohe Bereitschaft mitzumachen, als Mitläufer den Arm zum “Hitlergruß” zu heben, wenn es verlangt war, und zum anderen die durchaus vorhandenen Möglichkeiten, sich dem Druck zur Gleichförmigkeit zu entziehen. Selbst bei den vielen erhobenen Armen lassen die individuellen Haltungen und einzelnen Gesichtausdrücke auf ganz unterschiedliche Grade der Zustimmung schließen.

SZ-Photo-detail-00022112Detail: Verweigerung des Hitlergrußes, 1936 © Scherl 

Diese Geschichte steckt hinter dem Pressefoto des sich verweigernden Arbeiters. Vermutlich gelangte das Pressebild im Konvolut des Scherl-Archivs in den Bestand von Süddeutsche Zeitung Photo.

Was denken Sie? Um wen handelt es sich auf dem Bild?
Machen Sie sich doch einfach selbst ein Bild von Gustav Wegert und August Landmesser

Weitere Bilddossiers zu unserem Themenschwerpunkt Nationalsozialismus finden Sie in unserem Kalender.

SZ Photo Ikonen: Die Demütigung des jüdischen Anwalts Siegel, 1933

Unter den Bildern, die Süddeutsche Zeitung Photo seit nun 60 Jahren vertreibt, finden sich einige weltberühmte Fotos. In unserem Blog präsentieren wir für Sie unsere großen Bildikonen und ihre Hintergründe.

Der jüdische Anwalt Michael Siegel wird durch München geführt

 Der jüdische Anwalt Siegel wird von SA und SS am 10. März 1933 durch die Prielmayerstraße in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs getrieben © Heinrich Sanden/Scherl

Das Bild des jüdischen Anwalts Dr. Michael Siegel, der am 10. März 1933 von der SS und SA durch die Münchner Innenstadt getrieben und öffentlich gedemütigt wurde, ist weltberühmt. Unzählige Male wurde es in Schullehrbüchern und Ausstellungen abgebildet. Das Foto gilt weltweit als Dokument und Symbol für den Terror und die Willkür des Nazi-Regimes.

Siegel wollte sich an besagtem Tag im Auftrag eines Mandanten im Polizeipräsidium gegen Übergriffe der SA beschweren. Dort wurde der Anwalt von der SA-Schergen in einem Kellerraum brutal zusammengeschlagen. Ihm wurden Zähne ausgetreten, sein Trommelfell platzte. Anschließend jagten die Peiniger Siegel mit zerschnittener Hose, barfuß und blutend mit einem Schild um den Hals von der Ettstraße über den Stachus in die Prielmayerstraße am Münchner Hauptbahnhof. ‘Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren’, so ist es heute auf dem Schild zu lesen.

Der damals arbeitslose Pressefotograf Heinrich Sanden gilt als Urheber dieses und eines weiteren, am Stachus entstandenen Fotos des Schandspiels. Während die Münchner Zeitungen 1933 noch keine Veröffentlichung von Sandens “heißer Ware” wagten, kam es im Ausland zu einigen Abdrucken der Aufnahme, jedoch kursierten verschiedene Versionen. Sie alle unterschieden sich im Wortlaut der Schrift auf dem Schild. Auf den unbehandelten Originalabzügen war diese kaum leserlich und wurde in den Redaktionen abweichend nachbearbeitet. Weil die Schrift auf dem Schild offensichtlich nachretuschiert worden war, gab es in der Vergangenheit Zweifel an der Echtheit des Fotos. Die Geschichte vom Weg des Fotos in das Bildarchiv der SZ konnte hier etwas Aufklärung verschaffen.

Rechtsanwalt Michael Siegel in München, 1933

 Das zweite – ebenfalls retuschierte – Bild der Spießrutenhetze entstand am Stachus © Heinrich Sanden/Scherl

Zwar sahen auch die Münchner Neuesten Nachrichten 1933 vom Abdruck des Bildes ab, im Bildarchiv des Verlagshauses  Knorr & Hirth wurde der Abzug jedoch aufbewahrt – und blieb dort, bis das Archiv nach dem Krieg von der SZ übernommen wurde. Ulrich Frodien, der ab 1954 das Bildarchiv der SZ und ab 1956 den SV-Bilderdienst leitete, sagte aus, er habe nach der Wiederentdeckung des wertvollen Fotos lediglich die Anweisung an die Reproduktionsabteilung gegeben, die unleserlichen Buchstaben auf dem Foto nachzuzeichnen. Der Originaltext sei aber eindeutig entziffert worden: ‘Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren’. Auch in den Scherl-Bildern, die das SZ-Bildarchiv Mitte der 50er Jahre erwarb, ist ein Abzug der Sanden-Aufnahme dabei – mit gleichlautendem, retuschiertem Text in etwas anderer Schrift. Dass Scherl und SZ unabhängig voneinander die gleichen Worte nachretuschiert haben, ist ein starkes Indiz für die Authentizität des Textes. Es sind diese vom SV-Bilderdienst ab 1956 verbreiteten Versionen des Bildes, die nun auch in Deutschland vielfach abgedruckt und weltberühmt wurden.

Für Siegel und seine Familie war der 10. März 1933 der Anfang vom Ende ihres Lebens in Deutschland. 1940 emigrierte Siegel mit seiner Frau über Sibirien und China nach Peru. In Lima arbeitete er als Farmer und Rabbiner der jüdischen Emigrantengemeinde und wurde 1946 Vertrauensanwalt der Bundesrepublik in Lima. 1945 wäre er gerne nach München zurückgekehrt, wo ihm eine Richterstelle angeboten wurde, verzichtete aber auf Wunsch seiner Frau darauf. Dr. Michael Siegel starb 1979 hochbetagt in der peruanischen Hauptstadt.

Das Bild des Anwalts Siegel aber lebt weiter. Es hängt in Erinnerungsstätten wie Yad Vashem oder im NS-Dokumentationszentrum in München. Die Ikone ist und bleibt ein wichtiges Mahnmal gegen den NS-Terror und Teil des kollektiven kulturellen Gedächtnisses.

Zu den Bildern vom 10. März 1933 in der Datenbank

Als weitere Bilder in unserer kleinen Serie “SZ Photo Ikonen” präsentieren wir u.a. die Verweigerung des Hitlergrußes (ID ) und das K1-Foto von Thomas Hesterberg (ID ) .

Das Fotoarchiv Otfried Schmidt

Romy Schneider, 1962

Romy Schneider, 1962 © Fotoarchiv Otfried Schmidt   

Vom Bildberichterstatter im Zweiten Weltkrieg zum Stammfotografen der Münchner Schickeria: Das Fotoarchiv von Otfried Schmidt zählt zu den spannendsten Sammlungen bei SZ Photo.

Otfried Schmidt wurde 1913 im Erzgebirge geboren und schoss die ersten Fotos bereits während seiner Gymnasialzeit. 1934 machte er erste Fotoreportagen mit seiner eigenen Leica und es folgten daraus schon Presseveröffentlichungen. Während des Krieges war er Bildberichterstatter in Frankreich, Russland und Italien. Die Gesellenprüfung für Fotografen legte er erst 1947 ab. In den Nachkriegsjahren war er vor allem freiberuflich tätig, u.a. für das Abendblatt, die Berliner Illustrirte Zeitung und die Münchner Illustrierte als auch für die Zeit, die Bild und den Stern.

Kurt Schumacher

Kurt Schumacher, 1946

Ab Mitte der 50er Jahre arbeitete Schmidt verstärkt für die Abendzeitung und begleitete insbesondere den berüchtigten Klatschkolumnisten Hannes Obermaier – besser bekannt unter seinem Pseudonym “Hunter” – bis zu dessen Abgang zur Bild auf unzähligen Veranstaltungen der noch jungen Münchner Schickeria. Ob lokale Prominente oder Größen des internationalen Showgeschäfts – Otfried Schmidt hatte Sie alle vor seiner Linse. Neben der Gesellschaftsfotografie waren seine Themen v.a. die Mode, Politiker und immer wieder der Zirkus und Tiere.

Kessler-Zwillinge, 1956

Alice und Ellen Kessler, 1956

Elizabeth Taylor

Elizabeth Taylor mit Ehemann Richard Burton, 1965

Henri Verneuil, Regisseur

Regisseur Henri Verneuil, 1965

Dompteur Fredy Knie junior mit Nashorn im Circus Krone, 1969

Dompteur Fredy Knie jr. mit Nashorn im Circus Krone, 1969

Aber auch zeithistorische Ereignisse und schwierige Themen finden sich in Fotoarchiv von Otfried Schmidt. In der Nachkriegszeit dokumentierte er die Deutschen auf ihrem Weg zurück in die Normalität, besuchte Flüchtlingslager und Arbeitsstätten für Kriegsversehrte. Den Wiederaufbau Münchens – etwa mit einer schönen Reportage von der Fertigstellung der Frauenkirche – hielt er ebenso fest wie die erste Wiesn nach dem Krieg im Jahr 1946.

Arbeiten an der Frauenkirche in München, 1953

Arbeiten an der Frauenkirche in München, 1953

Zu Beginn der 1970er Jahren dokumentierte er das Leben contergangeschädigter Kinder.

Während der Olympischen Sommerspiele 1972 fotografierte er nicht nur Sportler aus aller Welt im Olympischen Dorf oder die Chefhostess Silvia Sommerlath, sondern auch den Tag und die schrecklichen Ereignisse des Olympia-Attentats. Noch am Vorabend des Massakers machte Schmidt gar Bilder der israelischen Sportler, die die Geiselnahme am nächsten Tag nicht überleben sollten.

Silvia Sommerlath, 1972

Silvia Sommerlath als Hostess bei den Olympischen Spielen in München, 1972

Shmuel Rodensky mit Mitgliedern der israelischen Olympiamannschaft, 1972

Shmuel Rodensky mit israelischen Sportlern am Abend vor dem Olympia-Attentat, 1972

Otfried Schmidt starb 1991 in München und hinterließ ein vielfältiges zeithistorisches Fotoarchiv, aus dem über 3.000 Bilder in unserer Datenbank verfügbar sind.